Boulogne 2008: Tour du Sud

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Zweite Tour. Wie kam es dazu? Nun, auf meiner Tour gen Norden musste ich auf dem Rückweg ja wasserbedingt durch die Dünen. Irgendwo zwischen ein paar Grashalmen fand ich dann plötzlich eine österreichische Flagge.

Beim zweiten Blick stellte sich heraus, die Flagge ist genau genommen invertiert und hat rein gar nix mit Österreich zu tun. Klar, keine Berge. Stattdessen war das die Markierung des Chemin de Littoral, und da ich ohnehin da lang musste, folgte ich einfach diesem Weg bis zum Strand von Boulogne.

Am folgenden Tag bemerkte ich die gleiche Markierung an der Brücke zwischen Fischerei- und Binnenhafen und dachte mir, wenn der Muskelkater weg ist, kann ich ja auch mal in die Richtung laufen, wird bestimmt genau so lustig.

Was schließlich bei dieser Aktion herauskam, könnte widersprüchlicher nicht sein. Teile des Kurses waren gelinde gesagt unter aller Sau, während andere mit die schönsten Ecken in der Gegend durchpflügten. Los gings im Industriehafen, und wäre nicht alle paar Meter eine rot-weiße Markierung gewesen, hätte ich mich sicher verlaufen gefühlt. Und ja, auch das ehemalige, verwahrloste Bahngelände und der nicht mehr vorhandene Böschungstrampelpfad sind offizieller Teil dieses Wanderwegs.

Danach wurde es aber deutlich besser, man hat wunderbare Aussichten über die Klippen und das Meer, und hinter Le Portel geht es sogar etwas ins Hinterland, wo man dann an ausladenden Feldern und Hecken vorbeikommt.

Bis man von einem einmotorigen Flugzeug fast über den Haufen geflogen wird. Das eine Feld da ist also ein Flugplatz. Hätte man wissen können.

Plötzlich gehts mitten durch Equihen-Plage, und anders als der Name vermuten lässt, ist hier erstmal kein Strand, sondern nur Häuser, kein Schatten und sengende Hitze. Was aber auffällt: Jedes dieser kleinen Dörfer, durch die ich schon gelaufen bin, sieht komplett anders aus als die anderen, was Baustil, Art der Bebauung, Farbgebung, Straßenführung etc. angeht. Klar, dass ich nicht erwarten würde, dass alle Dörfer eine exakte Kopie des anderen wären, aber ich würde, wenn ich diese Dörfer auf einer Karte anordnen sollte, diese nie in derart räumlicher Nähe vermuten. Schon gar nicht neben Boulogne. Aber hier sind ja auch alle möglichen Baustile der letzten 2000 Jahre mehr oder weniger sinnvoll miteinander kombiniert...

Unterwegs ein Schild mit dem Verlauf des Küstenwanderwegs. Genau das habe ich gesucht! Die Route ist auch schnell gefunden, weiter durch Equihen, dann rüber nach St Etienne au Mont, und schließlich über St Martin Boulogne zurück. Theorie gut, Praxis wird sich leider zeigen...

Plötzlich: Doch Strand. Riesiger Strand. Am Ende sieht man Hochhäuser, allerdings nicht mehr so wirklich auf der hier dargestellten runterskalierten Version. Auch wenn ich schon viele Strände gesehen hab - dieser ist einfach überwältigend klein. Und sieht man sich dann die Algenlinie nahe der Dünen an, weiß man: Der Strand ist einmal am Tag winzig klein... ...schon befremdlich.

Danach wird der Weg auf einmal extrem anders und verdammt schön: Es geht wieder in die Dünen, diesmal aber auf 'offiziellen' Wegen. Heißt: Zäune links und rechts, um den Sand zurückzuhalten, man selbst stapft trotzdem durch feinen Flugsand, und links und rechts dieses typische Dünengras. Nordsee lässt grüßen. Weiter dem rot-weißen Weg folgend, gehts dann immer weiter durch unschattiges Gebiet und der Sonnenbrand der Vortage macht vor lauter Freude Luftsprünge. Und wie nicht anders erwartet, überholt einen nach einer ganzen Weile im Niemandsland ein Jogger. Klar, dass das bei 37°C das gesündeste und ungefährlichste ist, was man sich vorstellen kann.

Und wieder: Abrupter Wechsel im Style Sheet, wir sind jetzt im Wald. Vorzustellen als naturbelassenes Stück Wald, angenehm schattig, lädt zur Pause ein. Nach einigen Litern Sprudel und der Hochrechnung, dass die Reserve nie zurück ins Hotel reicht, gehts weiter.

Szenenwechsel: Lüneburger Heide. Interessanterweise schockt mich das nicht mehr, der Weg ist ohnehin voller Überraschungen. Die Wasservorräte schwinden, aber der Untergrund ist betoniert und in handliche 3x3m-Stücke unterteilt: Wahrscheinlich wieder eine Zufahrt zum Atlantikwall. Bedeutet, in die andere Richtung muss es zur Zivilisation gehen. Tuts auch, und auf einem Mal taucht ein Schloss vor meiner Nase auf. Schade nur, dass man nicht drankommt, weil Umbau. Direkt vom Schloss aus fangen auch kleinere Häuser an, und auf der Suche nach einem Supermarkt treibts mich immer näher ins Zentrum. Finde tatsächlich auch einen Markt, aber geschlossen wegen Mittagsruhe. Einige Meter weiter: Ein Restaurant. Geschlossen, wegen zwischen Mittag und Abendbrot. Toll.

Da ich aber vor mir ein paar Einheimische sehe, die auf die Müllabfuhr warten und sich dabei unterhalten, haue ich die nach einem schattigen Rückweg an. Gelächter: "Schattig???". Nach einigen Sekunden Gelächter "Zu Fuß???". Einige Sekunden später "Jetzt sagen Sie nicht, sie kommen von da?". Antwort: "Doch, durch die Dünen.". Stille. Nach einem fragenden Blick meinerseits kommt von ihnen nur noch ein "Sind Sie verrückt???".

Ok, das mit den Dünen ist wahrscheinlich in der Tat eine schlechte Idee. Die Einheimischen erzählen mir dann, dass das extrem gefährlich wäre bei der Mittagshitze, ich soll da auf gar keinen Fall wieder zurück. Habe ich ehrlich gesagt auch nicht vor... Nur wolang dann? Sie empfehlen mir, der Hauptstraße zu folgen, da die zumindest Abschnittsweise im Schatten liegt.

Etwa eine halbe Stunde später und auf dem letzten Tropfen Wasser sehe ich vor mir einen offenen Supermarkt. Damit wäre das Mittagessen und die weitere Wasserversorgung endlich gelöst :-) Weiter gehts über St Etienne au Mont. Da fällt mir was ein... wollte ich nicht... Richtig! Hier wollte ich initial direkt von Equihen-Plage aus hin. Irgendwo im Wald habe ich mich aber aus lauter Freude über die tolle Vegetation vom rot-weißen Rundkurs in eine rot-weiße Alternativroute verlaufen. Soviel zum Thema Praxis.

Den restlichen Rückweg handle ich kurz ab: Abzweig nach St Martin auch verpasst (wer hätt's gedacht), weiter der Straße lang, extrem hässlicher Weg, Füße aua, froh, wieder in Boulogne zu sein.

Wie schon vorher gesagt - Widersprüchlicher könnte der Weg nicht sein, aber ich denke, hätte ich mir mit dem Rückweg mehr Mühe gegeben, eventuell mehr Wasser mitgenommen (wie an den Folgetagen) und mir nicht gerade den heißesten Tag ausgesucht, wäre das eine verdammt geile Wanderung geworden. So wars aber immer noch interessant und mit perfekter Aussicht, und wer in der Nähe ist und noch etwas Zeit hat, der sollte auch diese Runde einmal gehen. Den Weg gibts hier.


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